Unser Geld

Interview Hercli Bundi

Interview

Unser Geld. Von der Schöpfung aus dem Nichts.

Das Gespräch mit Hercli Bundi führte Thomas Bachmann.

Was ist Geld?

Geld ist eine Recheneinheit, ein Zahlungs- und ein Wertaufbewahrungsmittel. Aber damit hat man noch nichts verstanden. Die Frage ist doch eigentlich, was macht das Geld mit uns? Was macht es mit uns bewusst und was macht es mit uns unbewusst? Mit uns meine ich uns als Gesellschaft, aber auch mich ganz persönlich.

Der Untertitel des Films heisst «Von der Schöpfung aus dem Nichts» – Was hat es damit auf sich?

Dass der Film «Unser Geld» heissen soll, das war von Anfang an klar. Weil wir alle damit zu tun haben. Und wenn wir alle daran glauben, funktioniert es. Es funktioniert nur, wenn es ein Uns gibt. Unser Geld ist etwas, das allgemein akzeptiert sein muss. Für den Untertitel «Von der Schöpfung aus dem Nichts», habe ich mich erst spät entschieden. Ich will das Geheimnis zeigen, diese Schöpfung aus dem Nichts: Geld wird aus dem Nichts erschaffen, wenn jemand bei einer Bank Schulden macht. Dann eröffnet die Bank für die Kundschaft ein Konto und wartet, dass die Schuldner am Ende alles zurückzahlen. Das Geld ist aber nicht da. Die Bank hat das Geld nicht. Sie muss nur zweieinhalb Prozent von diesem Betrag haben. Aber wir zahlen 100 Prozent zurück. Das ist schockierend.

Wie kamen die Interviewpartner:innen zusammen?

Ich wollte verschiedene Perspektiven zeigen, die sich nicht decken müssen. Personen die von ganz verschiedenen Richtungen etwas benennen. Zum Beispiel Frau Wildi, die sagt, es gebe eigentlich niemand, der gar kein Geld habe. Das sagt sie am Steuer eines Mercedes. Aber der Bankräuber und ich wissen, doch, es gibt Menschen, die – zumindest vorübergehend – kein Geld haben. Und das hat nichts mit einteilen zu tun, wie Frau Wildi sagt, sondern es ist einfach keines da.

Ich wollte einen Runden Tisch, der in der Realität nie zustande kommen würde. Mit jemandem vom allerhöchsten Level. Das hätte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sein können. Ich habe auch mit denen geredet, die haben dann aber nicht gewollt. Und dann war für mich klar: die Nationalbank. Und dann wollte ich eine Geschäftsbank am Tisch. Im Film ist das die Hypothekarbank Lenzburg. Dann wollte ich jemanden, der selbständig ist, also zum Beispiel die Herausgeber von Avenue (Magazin für Wissenskultur). Dann auch jemand der reflektiert. Den Philosophen, der auch Theologe ist, der sich schon lange mit dem Geld auseinandersetzt und ein Buch darüber geschrieben hat. Und die Kirche war naheliegend, weil ich mit denen ein eigenes konkretes Beispiel hatte. Mit der Kirche hatte ich eine offene Rechnung.

Wen hättest Du gerne interviewt, aber nicht zeigen können?

Ich hätte an diesem fiktiven runden Tisch auch noch gerne eine Frau gehabt, die an der Kasse arbeitet. Aber alle Grossverteiler haben niemanden reden lassen wollen. Es war schon schwer genug, im Laden zu filmen. Aber mit dem Personal reden durfte ich nicht. Es gibt noch ein paar Tabus in der Schweiz. Geld ist ein Tabu. Über den eigenen Lohn zu reden, ist ein Tabu. Über Schulden zu reden, ist ein Tabu. Mit einer Person, die jeden Tag an einer Ladekasse sitzt, zu reden, ist offenbar auch ein Tabu.

Hat dich das Tabu gereizt?

Meine Absicht war es nicht, über Tabus zu reden. Aber wer sich gründlich für etwas interessiert, der kommt zwangsläufig in die Tabuzone. Der Reiz war nicht das Tabu. Der Reiz war, etwas zu verstehen, das eine selbstverständliche Präsenz hat. So selbstverständlich, dass man es nicht einmal lernen muss. Man lernt in der Schule die Sprache und man lernt rechnen. Aber nicht, wie Geld funktioniert. Ich hatte schon vor dem Film das Gefühl, dass viele, die verantwortlich sind für Geld und eigentlich verstehen müssten, wie es funktioniert, es nicht verstehen. Ich hatte das Gefühl, dass sie nur den Meccano beherrschen, anwenden können und wissen, dass es funktioniert. Aber sie wissen nicht, wie es funktioniert.

Ist Geld eine Religion?

Man muss daran glauben. Ich habe schon das Gefühl, das Geld ist eine Weltreligion. Sie ist aber nicht auf spirituelle Erleichterung ausgerichtet, sondern darauf, die Leute in bestimmte Handlungen zu zwingen. Es war für mich eine Art Arbeitshypothese. Ist es eine Religion? Es ist eine Religion, die uns durchs Leben leitet. Sie sagt uns, was wir zu tun haben. Das ist für mich etwas Religiöses; ein Heilsversprechen. Wenn du sparst, bekommst du eine Wohnung, wenn du das nicht machst, bekommst du einen Betreibungsauszug. Und dann wirst du nie eine Wohnung bekommen.

Der Film zeigt Gespräche, aber auch Kuhstall, Mähdrescher, Container-Terminal, Supermarkt, Brockenhaus sind zu sehen. Wovon erzählen diese Bilder?

Es ist ganz einfach. Über Geld zu reden ist völlig irrelevant, wenn nicht auch etwas produziert wird, transportiert wird, bewegt wird, gepflegt wird. Zuerst müssen die Kühe gefüttert werden, erst nachher kann man mit Krediten hantieren und dann etwas verkaufen. Nicht umgekehrt. Als erstes muss man etwas machen. Das Wichtigste im Film sind diese Bilder. Das ist die Wertschöpfungskette. Die, die reden, versuchen zu erklären, wie Geld funktioniert. Man könnte sie streichen, aber Geld hätte man immer noch. Man hätte Produkte, und die Leute könnten sie tauschen, sie würden Recheneinheiten erfinden. Die, die reden, könnte man weglassen.

Ästhetisch kommt der Film recht unaufgeregt daher. Die Bilder und auch die Musik sind freundlich, heiter und positiv. Was war die Absicht dahinter?

Die meisten Filme über Geld sind kalt. Handeln sie von Armut, dann zeigt man richtig krasse Armut. In meinem Film gibt es keine krasse Armut. Es gibt arme Leute, sie sind aber nicht krass arm dargestellt. Viele Filme über Geld sind Filme über Armut. Dann wird das Desaster gezeigt. Oder dann sind es Filme über Verschwendung, dann zeigt man Reiche, so dass man denkt, nein, was für Idioten.

Unser Film ist atmend. Ich wollte einen warmen Film machen, als ob Geld etwas Tolles wäre. Ich will das Geld feiern von A bis Z. Ich will das Geld schön zeigen. Das Thema ist so brutal, es kann einen so bedrängen, es kann so komplex sein, dass man nichts damit zu tun haben will. Ich will die Leute aber in das Geld hineinlocken, damit sie sich damit auseinandersetzen. Und darum habe ich es schön gemacht. Auch die Musik soll ein bisschen süss und kitschig sein.

Welches war das schwierigste Interview?

Das mit den Vertretern der Kirche. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ins Leere laufe. Sie haben für alles eine Erklärung, aber wenn das Geld einen plagt, nützt mir der Trost der Kirche auch nichts. Ich war froh, dass die Pfarrerin dabei war. Ich kannte sie von einem Slam-Poetry-Auftritt. Ihre Bibelzitate zeigen, dass das Geld am Ende eine zwiespältige Kraft hat.

Gab es schwierige Momente während der Arbeit am Film?

Wir hatten lange für die Montage. Es war schwierig, eine Sprache zu entwickeln, um das zu erzählen, was wir erzählen wollten. Fast alles, was erzählt wird, ist inhaltlich komplex. Die dramaturgische Konstruktion des Films zu finden und auszutarieren, war nicht so einfach. – Ah ja, und dann ist die Crédit Suisse zusammengebrochen. Als ich mit dem Film begonnen habe, habe ich schon gedacht, dass es sicher wieder eine Finanzkrise geben wird – wenn der Film fertig ist. Aber nicht, dass es während des Films passiert. Das hat es noch nie gegeben, dass eine Grossbank ohne Sicherheiten gerettet worden ist. Ein Geschenk. Ein Tabubruch. Die Pressekonferenz dauerte anderthalb Stunden. Und nur ein Journalist stellte die wichtigste Frage. Die Frage, warum die Nationalbank der Credit Suisse Liquidität gibt, ohne dafür Sicherheiten zu erhalten Und dann stimmte alles nicht mehr, was die Nationalbank vorher über die Rettung gesagt hat. Ich fand das sehr gut, dass das noch während des Filmes passiert ist.

Hat der Film etwas an Deinem eigenen Verhältnis zum Geld verändert?

Dass ich mich traue für meine Arbeit einen Preis zu nennen, den ich mir früher nicht getraut hätte, zu nennen. Wie der Bankräuber, der für seine Mitarbeit im Film fünftausend Franken verlangt… Ja, das ist eine wichtige Szene. Man weiss ja nicht, ob ich ihm sie gegeben habe oder nicht. Man sieht nur, wie ich eine Quittung ausstelle. Es gibt Leute, die meinen, ich hätte jedem der Gesprächspartner Geld gegeben, jeder hätte am Schluss einen Lohn bekommen.

Was soll man aus dem Film nachhause mitnehmen?

Dass man vom Gedanken wegkommt, dass es das Geld ist, was einen am Schluss rettet und, dass Geld unabhängig macht. Ist man zum Beispiel alt, schwach und krank, kann man sich eine Person aus Osteuropa leisten, die einen gegen Bezahlung pflegt. Ist man dadurch unabhängig oder abhängig? Unabhängig ist man, wenn man über soziale Kontakte verfügt. Solidarität ist Unabhängigkeit. Also Geld macht nicht unabhängig, sondern ist ein Schmiermittel, um sich aus der Patsche zu mogeln. Aber frei macht es nicht. Ein erster Schritt, den wir alle tun können, ist miteinander über Geld zu reden und diesem komplexen Thema ohne Angst ins Gesicht zu schauen.